Die Welt ist klein

Licata ist Kleindeutschland. Am ersten Samstag war ich auf der Suche nach einem Fischladen und entdeckte dabei auf dem Parkplatz ein saarländisches Kennzeichen. Etwas später sehe ich, dass ein Mann im Auto sitzt und die Fenster geöffnet sind. Ich gehe also hin und spreche ihn an. Er wundert sich, dass das Kennzeichen erkannt wurde. Es stellt sich sogleich heraus, dass es sich um den Besitzer der Schmelzer Eisdiele handelt, der einige Wochen in Italien verbringt und zugleich aus Licata stammt. Die Welt ist klein, muss ich wieder einmal feststellen. Wenn wir zum Einkaufen gehen, werden wir oft angesprochen und gefragt, wo wir herkommen. Antworte ich: io sono tedesca, kommt gleich ein Schwall auf  deutsch zurück. Viele der Einwohner von Licata haben in Deutschland gearbeitet oder sind dort geboren und aufgewachsen. Wie auch unser Italiensichlehrer Frater Agostino. Sein Vater ist in den sechziger Jahren nach Deutschland gegangen, als es auf Sizilien immer weniger Arbeit gab und der Tourismus noch nicht zu den Haupteinnahmequellen zählte. Der Priester ist kein echter Priester, wurde exkommuniziert, hat aber eine kleine Gemeinde behalten und betreibt in der Marina ein Cafe und unterrichtet die Community in Italienisch. Der Lernbetrieb läuft Englisch  – Italiensch und Frank und ich mussten 6 Stunden nachholen, da wir erst am 31. Oktober hier angekommen sind. Frank lernt die Sprache leichter als ich, da er auf dem Gymnasium das große Latinum erworben hat. Ich habe mir daher zusätzlich Babbel italienisch geordert und lerne nun mit 2 Standbeinen.

Die Winterlagerer  der Marina kommen aus allen Herrn Ländern: wenige Deutsche, Österreicher, Schweizer, Finnen, Norweger, Schweden, Engländer, Amerikaner und sehr viele Franzosen. Am ersten Tag nach unserer Ankunft wurde uns im Hafenbüro ein Plan überreicht, der an einen Stundenplan erinnert. Darauf sind alle festen Termine notiert: Pilates, Yoga, Zirkeltraining, Italienischkurs und natürlich das sonntägliche BBQ. Treffen ist sonntags um 12:30 an der BBQ Ärea. Diesen Platz stellt die Marina zur Verfügung mit 2 riesigen Grillflächen, dazwischen Ablagen und ein Spülbecken, davor Holztische und Bänke, alles überdacht. Jeder der teilnehmen will, bringt sein eigenes Grillgut mit, dazu Salate, Gemüse, Brot etc. Für die Holzkohle zahlen wir pro Person 50 Cent. An unserem ersten Sonntag gab es mindestens 5 verschiedene Kartoffelsalate. Daher dachte ich letzten Sonntag, ich bringe einen selbstgebackenen Kuchen mit. Auf die Idee mit Kuchen kamen dann viele andere auch, wobei deren Kuchen nicht selbtgebacken sondern gekauft waren. Daneben wurden Platten mit italienischen Dolci gereicht. Der Italiener ist gerne süß und je süßer, desto besser. Diese Köstlichkeiten bekommt man nicht beim Brotbäcker, nein, der ist Spezialist für Brot. Will man etwas Süßes kaufen muss man einen Laden für Dolci aufsuchen. Der Trend ist in unserer Wahlheimat genau umgekehrt zu Deutschland. Während bei uns zu Hause die Spezialisten aussterben, gibt es in Italien überall kleine Läden. Jedes Viertel hat diverse Bäcker, Metzger, Gemüsehändler, die alten Menschen gehen aus ihrem Haus und spätestens um die nächste Ecke können sie sich versorgen. Witzig finde ich die Läden mit dem Zubehör für das Haus: Waschmittel, Toilettenpapier, Putzmittel. Die Weinhändler dürfen natürlich nicht fehlen. Neben den kleinen Einzelhandelsgeschäften gibt es 2 große Shoppingcentren und diverse Supermärkte. Da wir mit unseren Fahrrädern sehr mobil sind, können wir auch die entfernteren Läden bequem aufsuchen. Die ersten Tage war ich jedoch bedingt durch den chaotischen Straßenverkehr total überfordert. Am ersten Tag wollte ich es schon aufgeben. Mit Fahrradhelm auf dem Kopf und der angebrachten Vorsicht habe ich mich nun an die Verkehrsverhältnisse gewöhnt, die man ohne Untertreibung als gefährlich und gewöhnungsbedürftig bezeichnen kann.

Altes Gemäuer gibt es auch hier zu hauf, jedoch haben wir im Moment unsere Dringlichkeitsliste am Boot abzuarbeiten, sodass Kunst und Kultur etwas später erlebt werden. Da unser Wassermacher sprich Umkehrosmose noch nicht konserviert ist, fahren wir alle paar Tage raus auf´s Meer um Trinkwasser zu produzieren. Demnächst werden wir die Anlage jedoch stilllegen, denn wenn wir nach Deutschland fliegen, muss sie auf jeden Fall gereinigt und konserviert sein. Es macht auch nicht wirklich Sinn, für eine halbe Stunde raus aus dem Hafen zu fahren. Das Wetter ist mittlerweile auch sehr wechselhaft geworden, es regnet und gewittert oft in der Nacht, danach ist das Meer entsprechend aufgewühlt mit hohen Wellen.  Gestern am Sonntag hatten wir extrem warme Bedingungen, über Mittag haben wir in der Sonne geschwitzt, heute hat es immer mal wieder geregnet und es ist sehr windig geworden. Pech, dass ich dachte, dass es erst gegen Nachmittag schlecht werden würde. Habe heute Morgen gleich Wollsachen gewaschen, die bei der vorherrschenden Feuchtigkeit eher schlecht trocknen.

Frank ist in den letzten Tagen ganz schön fleißig gewesen. Unser Boot hat neue Festmacher mit Ruckdämpfern, was bei dem heutigen Wind sehr angenehm war. Es  handelt sich dabei um eine Vorsichtsmaßnahme für die Winterzeit. Heute wurde der Dinghimotor gespült und  der Vergaser leergefahren. Dazu mußte  erst ein neuer Eimer gekauft werden, da die beiden an Bord befindlichen Eimer nicht genügend Höhe aufgewiesen haben. Mittlerweile hat unser Boot neue Abdeckungen für die Luken bekommen. Ein Angebot für Antifouling liegt uns vor, ein Angebot für Geräteträger und Biminigestell wurde angefragt. Elia ist ein Italiener, der in Deutschland aufgewachsen ist und einen Bootsservice unterhält. Vorteil, er spricht beide Sprachen und und hat ein Netzwerk von Fachleuten um sich herum.

So vergehen die kurzen Tage hier rasend schnell. Auch wenn wir immer wieder sonnige Abschnitte mit Wärme haben, ist es doch nachmittags schnell kühler (Anm. LI: Sandalen, kurze Hose und T-Shirt reicht locker um morgens frisches Brot zu kaufen, nur um die Temperaturen hier kurz einzuordnen) und vor allem früh dunkel. Als Zeitvertreib bleiben uns Bücher, Musik und ab und zu ein Film aus der Mediathek, ein Besuch im Cafe oder in der Stadt.  In 4 Wochen heißt es dann schon Tasche packen für den Heimflug. Aus diesem Grund habe ich heute bereits begonnen, eine Liste zu erstellen mit Sachen, die mit nach Deutschland gehen und einer Wunschliste, was wir später mit an Bord zurückbringen wollen.

Es bleibt spannend, Land und Leute kennen zu lernen. Wir bemühen uns und machen kleine Forstschritte. Ich würde euch gerne etwas Sonne schicken, doch heute hat sie sich hier nur selten gezeigt. Ciao und arrividerci!

 

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