Frust und Lust, Sardinien bis Griechenland

Der Frust überkommt mich seit ich in Deutschland bin.
Der Reihe nach.
Die Überfahrt nach Sizilien war der reinste Horror, erst warten auf weniger Wind, tags darauf war er moderat, jedoch in keiner Relation zu der noch anstehenden Welle. Fazit war ein übles Geschaukel mit wenig bis gar kein Wind. Unser Motor, wieder genesen, muss den Job erledigen und schlägt sich tapfer, war jedoch nicht der Plan. Ein Speerfisch, länger als ich, hellt die Miene des Skippers zwar etwas auf, insgesamt verlief es jedoch ziemlich schaukelig und keineswegs für einen Segler befriedigend.

Sieht etwas gequält aus, erster Speerfisch ever


Am Nachmittag des darauffolgenden Tages erreichen wir Favignana und hauen erstmal den Anker in den Sand. Ein Tag Erholung und schließlich durchrücken nach Licata. Wieder über Nacht, bringt halt Meilen und so erreichen wir am Morgen unseren Winterliegeplatz. Großes Hallo natürlich, ein wenig reparieren an EIRA, das übliche. Mit Sampos Auto wird der Einkauf ein Kinderspiel, genug Wunden geleckt und schon zerrt der Feddie an Bube, virtuell!
Davor eine kurze Probefahrt zum Test der Umkehrosmose und prompt fangen wir eine Mülltüte im Hafen. Außerhalb geankert kann ich erst mal meine neue Errungenschaft testen, einen 10 m Schlauch zwischen 1. und 2. Stufe zum Tauchen. Flasche an Bord und der Leidende Inscheniör schnitzelt mühselig die mit der Welle verschweißte Mülltüte wech. WTF oder auf deutsch wattn Scheiß, so unnötig!
Tags darauf segeln wir zu Freddie, kackfrüh am Morgen, fischen noch einen Yellowfin Tuna mit 15 kg unterwegs und ankern erst mal in der Mellieha Bay auf Malta.

Letzter Fisch der Saison 2023

Am Morgen wird der Fisch zerlegt und im Motorraum schneiden ich mir einen guten Ecken Fleisch aus dem rechten Stinkefinger im Versuch einen Schlauch mit links und der Schere zu kürzen. Es war eine leckende Rücklaufleitung der Einspritzdüse des ersten Zylinders und nun leckt der Finger, und frag nicht wie. Der Fetzen Fleisch hält noch und Schwester Eva bringt das Ganze mit einem Klammerpflaster wieder in Form.
Tags darauf verlegen wir in die Saint Pauls Bay, pullen mangels funktionierendem Außenborder an Land, holen Freddie ab und bringen dieses Riesenpaket an Bord. Watt ne action mit der lahmen rechten Hand, aber da will ich durch. Die erste Probefahrt dient der Sondierung der Mülltonnen an Land, die zweite der Entsorgung der Umverpackung, die dritte, vierte und so weiter der Freude des Buben. Wie geil ist das denn. 10 Pferdchen in Zweitaktmanier am Heck von Knuffi und das geht ab wie Sau und dabei darf ich nur maximal Halbgas geben wegen Einfahren und so?

Da strahlt er


Noch ein paar Tage auf Gozo in der Dwerja Bay mit Ausflug in eine Lagune und dann ist langsam Schluß mit lustig für dieses Jahr, die Arbeit ruft.

Durch diese hohle Gasse müssen wir kommen

Der kleine See dahinter

Abendstimmung in der Dwerja bay

Zurück in Liata, nun aber endgültig, steht der Sevice an für den ollen Diesel. Ölwechsel Motor, Einspritzpumpe, Umkehrosmose und Getriebe. Ventilspiel war recht ok, habe nur minimal optimiert, noch zwei neue Keilriemen für die Lima und das wars. Eine Komplettüberholung der Benzinpumpe an little Freddie bringt auch diesen wieder zum Laufen, aber zu spät. Der große Freddie wird abschließend im Hafen eingefahren mit ab und an mal Vollgas (wie geil ist das denn, wurde schon erwähnt), beide gespült mit Frischwasser, Getriebeöl gewechselt und gut ist für 2023.
Zwischendurch kommt Sampo und bittet mich um Begleitung auf einer Mission Richtung Tunesien, Flüchtlinge suchen und unterstützen. Mal abgesehen von einer seekranken Crew, einer Coronainfektion durch ein Crewmitglied on top und einem losen Vorstag war der Törn ok. Um Lampedusa boxt flüchtlingstechnisch der Papst, aber die italienische Küstenwache gibt alles die Leute zu retten, Chapeau.

Südlich Lamedusa

Weils so schön war noch eins

Die Zeit rennt, der Fisch muss weg, ein Teil wird geräuchert und der Rest verschenkt, wir fliegen nach D.

Was für ein Kontrast. Mal unabhängig vom Wetter, das ist echt schlecht ist, wie sind die Leute denn drauf? Frei nach Merkel, ist das noch mein Land?
Die Diskurse werden von Kubitschek und Konsorten gesetzt, die Blaunen blöken das ins Land, die Opposition hechelt konzeptlos hinterher und das „Volk“, dumm wie Bohnenstroh, geht auf die Straße für? Ja wofür denn, zurück ins 20. Jahrhundert? War nicht zuletzt auch mein Verhalten ursächlich für die Zukunft unserer Nachfahren?
Wer in der Welt segelt spürt direkt die Änderung, der eine oder andere am Flußufer in D mittlerweile auch, ist wahrscheinlich aber nur Schlechtwetter, lediglich dumm gelaufen, klar.
Das ist mein Frust.
Ich bin mit Optimismus aufgewachsen, immer nach vorne und wenn ein Problem auftaucht, angehen und lösen. Aber Veränderung ignorieren und mich zurückwünschen in die Geborgenheit meiner Kindheit ist kein Konzept zur Bewältigung der von uns geschaffenen Probleme, andernfalls komme mich mit meinem Schiff nicht weit. Und ja, Veränderung ist nicht für lau, die bereits entstandenen Schäden sind aber auch nicht zu ignorieren und könnten noch teurer werden. Könnten, wer hat da Recht? Wissenschaftler oder „Konservative“, sprich Bewahrer von Wohlstand, vulgo Konsumrausch, oder Mahner anhand der vorliegenden Daten.
Nun denn, Frust hin oder her, ein paar Dinge müssen geregelt werden. Die letzte Lampe über dem Esstisch wird montiert, das Gebiss überholt, der Hautarzt gibt grünes Licht und nach diversen Demonstrationen gegen die aufkommende rechtsnationale Gesinnung sogleich den Rückflug gebucht. 2 Kappensitzungen später, sozusagen als Überraschungsgast, zurück nach Licata. Eva bleibt derweil noch in der Obhut ihrer Ärzte, aber 2 Wochen später ist sie auch wieder da.

Als Geburtstagsüberraschung will ich noch schnell den neuen Gasherd montieren, wuchte ihn auf’s Vordeck und schon während das Auspackens sehe ich eine Riesendelle. Der Lieferant wird informiert, schickt einen neuen auf den Weg und ich entsorge das gute Stück nach Rücksprache im Hafen. Selbstverständlich nicht ohne ihn vorher gründlichst auszuschlachten, klaro.

Da isser

Flammneu montiert

Der Winter plätschert dahin mit Happy Hour, BBQ, basteln und relaxen. Als Sampo mit unserem kleinen Freddy, vielmehr seine Crew liebäugelt, wird dieser kurzerhand der privaten Seenotrettung vermacht, nebst Ersatzteilen und Unmengen guter Ratschläge. Auch wenn er mich oft geärgert hat, irgendwie konnte ich ihn dann doch immer überreden. Nun pendelt er zwischen Licata und Tunesien, im Herbst werde ich ihn wieder sehen.
Zwischenzeitlich wollte Pierre noch neue Lithiums einbauen, das hatte ich ihm bei unserem Wiedersehen auf Sardinien zugesagt, und so verbringe ich locker 2 Wochen auf deren Boot, lerne die Elektroinstallation kennen und baue sie zugleich um.
Die Saison ruft langsam, kurz noch auf die Werft, Boppes von EIRA pinseln, das muss alle 3 Jahre sein.

Wurde schon langsam Zeit

Dieses mal himmelblau

Nach ausgiebiger Proviantierung werden wir unruhig und es geht nach Malta, eben schnell mal 1000 ltr. Diesel bunkern und sogleich zurück auf die Ostseite Siziliens. Beide Überfahrten nach dem Motto muss ich nicht haben, Vergnügen geht anders.
Von Syracusa zum Festland Italiens, genauer zum Fußballen, klemmt erstmal die Ankerwinsch, die Kupplung war zu stramm und so brennt die Sicherung durch.

Die ist hin

Ersatz montiert und kaum aus der Bucht kommt die Angel raus. Leider bleibt eine Schildkröte an unserem Köder hängen. Die Freude über einen vermeintlichen Biss weicht Ensetzen, als wir sehen was passiert ist. Kurzerhand wuchten wir sie auf Deck, der Haken hängt Gott sei Dank in der Haut eines Fußes, befreien sie und ab ins Meer zurück. Sie winkt tatsächlich noch zum Abschied und unser Gewissen ist erleichtert.
Im weiteren Verlauf spinnt plötzlich der Autopilot, Eva im Bett, Skipper auf dem Klo und EIRA fährt eine veritable Patenthalse. Bingo! Aus Angst, dass die Leine im Propeller hängt, springe ich trotz erheblichem Wellengang, gesichert und mit Fender plus Leine achteraus ins Wasser und finde keine Leine, die ist schon gerissen, dafür aber ein dickes Fischernetz um unseren, eben, Propeller. Shit, der Seegang erlaubt definitiv kein Abtauchen, das gibt nur eine dicke Murmel und so segeln wir einfach mal weiter. Gegen Morgen, der Hafen in Sicht, informieren wir die Marina und schleppen uns in den Hafen. Allen Befürchtungen zum Trotz funktionieren vorwärts wie rückwärts (Drehflügelprop) und wir können längsseits anlegen. Uff!
Tauchgeraffel zusammenkramen, der 2. Einsatz des langen Schlauches, das Investment hat sich wirklich gelohnt, schneide ich alles ab. Beim Entern der Badeleiter, verliere ich meinen Bleigurt und Eva sucht auf diversen Schiffen Ersatz. Im dicken Neopren ohne Blei komme ich nicht runter und ohne Anzug ist definitiv zu früh in der Saison. Der Gurt wird getaucht, alles wieder dankbar zurückgegeben und jetzt ist echt mal Feierabend für heute.

Todesmutig in die Hafenbrühe

Das gehört eindeutig nicht um den Propeller

Beim nächsten Wetterfenster geht es direkt nach Griechenland, Kefalonia. Ziemlich genau auf das Datum von 2018, als wir uns dort mit Freunden trafen. Irrer Zufall. Unterwegs endlich der erste Biss des Jahres, 10 kg Makrele, kein Highlight, aber immerhin Fisch.

Immerhin, die Fangsaison ist eröffnet

Der zweite geht kurz vor Griechenland wieder vom Köder und da ich die Schnarre beim Drillen abgeschaltet hatte und die Bremse gelöst war, teste ich gleich mal den Spulenknoten nachdem 1000 m Leine achteraus schwimmen, dumm gelaufen.

Kurz vor dem Ziel entdecke ich noch enormen Gummiabrieb überall im Motorraum, ein Keilriemen schleift sich ab und wird kurzerhand gekappt. Er treibt einen ungenutzten Kühlkompressor an und von dort wiederum die Bilgenpumpe, darf halt jetzt erst mal kein Wasser reinlaufen, müsste sonst alles per Hand pumpen. Glücklicherweise haben wir Ersatz und dieser wird am nächsten Tag eingebaut, eine Reparatur verschiebe ich auf den Winter, ein Lager hat sich verabschiedet und deswegen blieb die Spannrolle nicht mehr da wo sie hingehört.

So sieht das Ding normalerweise aus

Weil eine Mütze Wind angesagt ist verholen wir in Argostoli in die verlassene Marina, kostet nix und ist bei den herrschenden Verhältnissen absolut sicher.

Erstes griechisches Bier

Ein paar Tage später treffen wir die INFINITY in Poros, Ostseite Kefalonia, verbringen gemeinsam ein paar Tage und schaffen uns dann langsam nach Zakynthos, neue Insel und neue Eindrücke.

Morgenausflug zur Schildkröteninsel

Selbige am Abend

So allmählich wird auch das Wasser wärmer, die Luft milder, die Saison entwickelt sich. Kurzer Zwischenaufenthalt auf dem Festland in Katakolon, wo wir gemeinsam mit den INFINITY’s das Angebot erhalten zum Einkauf in die nächstgrößere Stadt gefahren zu werden, unglaublich. Von wegen die Griechen mögen keine Deutschen seit der Finanzkrise.
Erster Stop ist Vodafone, Datenkarte kaufen, nächster Halt im Laden für Ouzo, 120 Jahre alt (der Laden), dann zu Lidl und auf dem Rückweg noch ein Obst- und Gemüsehändler, perfekt.

Fachgespräch unter Ouzo-Profis

Das hat sich gelohnt, zweite von rechts ist unsere gute Fee

Die Datenkarte kostet übrigens 30 € pro Monat, unbegrenztes Volumen und bis hierher 5 G, überall. Könnte sich Deutschland mal eine dicke Schnitte abschneiden, diese digitale Diaspora! Aber wenigstens die Schuldenbremse einhalten, das ist definitiv wichtiger, das lernen wir nie.
Nächster Stop ist Pylos, Wolfgang mit Crew kommt mit der BLACK DREAM direkt aus Malta hierher. Großes Hallo natürlich, ein paar Bier später in der Stadt und die eine oder andere Flasche Wein auf seinem Schiff zur Nacht bringen unseren Informationsstand wieder auf ein ordentliches Level.
Es zieht uns weiter Richtung Süden, wir finden eine Bucht mit lediglich 3 Kühen am Strand, flitzen mit Freddy mal hierhin und dorthin, da sind 2 sm mittlerweile kein Ding mehr und vergrößert unseren Radius enorm, dödeln durch die Gegend über Koroni (Schei..ankergrund wie immer), dafür aber Wochenmarkt am Sonntag und landen tags darauf in Porto Kagio. Da steht bei Navionics tricky ankern, das Band mit moderater Tiefe und Sandgrund ist schmal (kann ich bestätigen) und es gibt Fallböen. Deren Heftigkeit haben wir etwas unterschätzt, da kommen aus dem Nichts plötzlich mal 30 kts über den Berg und das macht nervös. Ist nichts passiert, aber der eine oder andere Segler hat sich da schon schwergetan unter diesen Bedingungen zu ankern oder ist gleich geflüchtet.
Nun sind wir auf Elefanisos, einer kleinen Insel ganz im Süden des Pelepones und wissen nicht so recht wie weiter. Monemvasia wäre der nächste natürliche Stop, da hat sich allerdings 2018 das deutsche Team derart blamiert (Aus in der Vorrunde), da wollte ich erst mal das erste Spiel abwarten, bevor ich dort wieder vorbeikomme. Hat ja geklappt, allerdings nur mit VPN und alle anderen Spiele schaue ich auf SRF, Magenta haben wir nicht, was für ein Mist. EM im eigenen Land und ich schaue die Spiele im Schweizer Fernsehen, sag mal gehts noch?

Ein besonderer Gruß geht an Stefan, der hat sich beschwert und so gibt es ein update.

Bis die Tage

Eva und Frank

Aufnahme vom 18.06.2024, Drohne von Jost