Dazu fällt mir kein passender Titel ein

Im Frühjahr auf der Werft stellt mich Giuseppe neben einen arg löchrigen Stahleimer auf dem einsam einer werkelt. Kai hat die Aufgabe übernommen, aus dem Sieb wieder ein Schiff zu machen, schläft auf der DAKINI, dessen Eigner ich kenne und so wird das eine oder andere Bierchen (am Nachmittag!) gelötet und ich erfahre die Story über dieses Schiff.

Im Herbst ist es wieder im Wasser und wird seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt, Segeltrainings südlich Lampedusa, östlich von Tunesien und demzufolge nördlich von Lybien.

Der erste Törn im Herbst endete mit einem Hilferuf vom Skipper, sie kommen ohne Maschine in den Hafen gesegelt und benötigen Schlepphilfe zum Anlegen. Mit Simon und dessen Dinghi, den Marineros und vereinten Kräften der Seglergemeinde bringen wir diesen 22 Tonnen-Schoner mitten in der Nacht an seinen angestammten Platz. Bei viel Seitenwind keine leichte Aufgabe und in der B-Note sicherlich noch ausbaufähig, immerhin aber ohne ernsthafte Schäden an den Nachbarliegern. Ein Check am Morgen danach ergab Luft in den Einspritzleitungen, also Verschraubungen ab, orgeln lassen bis ein feiner Strahl kommt und sofort springt der Trumm von Caterpillar (6 Zylinder) wieder an. Dieser Job beförderte mich vom Zuschauer zum Chefmechaniker an Bord für den abschließenden Törn im Spätherbst. Skipper Sampo bringt einen Intensivpfleger und einen Segler mit Rettungserfahrung mit, ich bequatsche 2 Segler aus unserer Marina und die Mannschaft ist komplett. Wir wollen segeln, fischen und diejenigen unterstützen, die bei den teilweise recht widrigen Bedingungen mit abenteuerlichen Booten versuchen Lampedusa zu erreichen. Ausgiebiges Studium der Wetterlage lässt uns ein etwa 2-wöchiges Zeitfenster finden und so segeln wir Richtung Süden in unser Zielgebiet los.

Da lache ich beim 1. Alarm, die Gaff ist noch da

Der erste Fisch nach 10 Meilen klaut mir meine Gaff, die Welle war noch verdammt hoch und der fröhliche Angler flog im Heckkorb umher, den nächsten kurz danach habe ich mir aber geschnappt und somit das Abendessen gesichert. Die Fischerei war auf dem gesamten Törn kein Problem, die Schwierigkeiten lagen eher in der Technik an Bord und unserer Hauptaufgabenstellung. Selbst die fünf Segel bei Vollzeug (Genua, Fock, Schonerstagsegel, Fisherman und Groß) hatten wir nach diversen Anfangsverwirrungen bald im Griff.

Vollzeug

Der erste ernsthafte Ausfall war die Ruderanlage. Notpinne montieren und Ursachenforschung ergaben eine gelöste Augschraube zwischen Hydraulikzylinder und Ruderquadrant. Rettungsinsel demontieren, Abdeckbrett lösen und anschließend auf dem Stahlrahmen liegend über dem offenen Wasser alles wieder montieren war kein Spaß, zumal immer die Gefahr bestand bei dem hohen Wellengang Werkzeug oder Material zu versenken. Thomas hat unerschrocken assistiert und bald konnte es wieder weitergehen, diesmal mit fester Kontermutter. Ein frischer aufkommender Wind aus Süd lässt uns am zweiten Abend an der Nordküste von Lampedusa ankern. Jeder hat schon feuchte Augen wegen den 4 Balken LTE, direkt an der Küste (hoch und steil) war aber leider nichts mehr da, niente, nada, schnief.

Erster und einziger Ankerplatz

Der Umgang mit der Ankerwinsch will geübt sein, die holt nur auf, herunterlassen über die Kupplung, ein Abstandsbrettchen, um die mordsmäßige 14-er Ankerkette von der Kettennuss zu lösen, wird fachmännisch zerstört, kann aber im letzten Büchsenlicht neu hergestellt werden. Da nur Steine den Ankergrund bevölkerten, war die Nacht von der im Schwell ständig schabenden Ankerkette beherrscht, die weiterlaufende Wacheinteilung brachte aber dennoch Schlaf für die Freiwache. Am Morgen wollte Mirko unbedingt schwimmen, springt blind ins Wasser und stellt kurz darauf fest, dass er in einem Rudel Feuerquallen badet. Unschön, jedoch ist er medizinisch geschult und findet Linderung in der Bordapotheke.

Im Hintergrund Lampedusa

Die nun folgende Woche verbringen wir damit, Positionsmeldungen und Sichtungen weiterzuleiten, eilen mitunter dorthin, sind aber immer zu spät, weil die großen Rettungsschiffe Geo Barents (Ärzte ohne Grenzen),

Ärzte ohne Grenzen

Ocean Viking, Sea Watch 4 einfach schneller sind. Immerhin ist in unserer Zeit vor Ort kein gesichtetes Boot abgesoffen, leider aber ca. 10 Menschen auf einem großen Fischkutter unter Deck verstorben, wahrscheinlich an Abgasen erstickt. Ein weiteres Segelboot (NADIR) mit der wir uns abgesprochen hatten westlich, bzw. östlich (wir) des 12. Längengrades zu segeln, konnte mehrere Boote Richtung Lampedusa begleiten, die kamen offensichtlich von Tunesien, wir segelten weiter östlich davon und fanden nur ein aufgelassenes Boot und jede Menge Wasserflaschen aus Plastik.

Einen Bericht über eine ihrer Missionen findet man aktuell in der ARD-Mediathek unter

https://www.ardmediathek.de/video/doku-und-reportage/mission-im-mittelmeer/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE1NzI2NTA

Ein ganz trauriges Kapitel der Menschheit, wenn täglich hunderte Personen diese gefährliche Überfahrt wagen und ungezählte Schicksale sicher auf der Strecke bleiben. Bei keiner dieser Meldungen trug jemand Rettungswesten, angesichts der Wassertemperaturen helfen die jedoch auch nur begrenzt weiter.

Über Sinn und Unsinn dieser, unserer Aktion will ich hier nicht diskutieren. Tatsache ist, dass Seeleute verpflichtet sind zu helfen, auch wenn sie bewusst diese Gewässer befahren.

Die tunesische Coast Guard muffelt manchmal über Funk, ein tunsischer Versorger der Marine ist neugierig und will wissen, was wir da treiben, jede Menge Fischerboote, woher auch immer, unzählige Delphine um uns herum, die Tage vergehen wie im Flug.

Irgendwann mussten wir zurück, Termine, gebuchte Flüge, Verpflichtungen in Deutschland, der Schweiz und Österreich, es wurde einfach Zeit nach Licata zurückzukehren. Unterwegs versagt noch kurz das WC, konnte aber McGuyver-mäßig wieder zum Pumpen überredet werden. Die 24 Stunden Ausfall wurden mit der Pütz oder dem Hintern direkt über der Heckreling souverän und unter großer Heiterkeit überbrückt. Ein paar Fische später liefen wir wieder in der Marina ein und gierten nach einem großen Bier nach diesem alkoholfreien Törn.

Die vier aus der Marina. Wolle, Wolfi, Sampo, Frank nach erfolgreicher Rückkehr.

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